Bevor der eigentliche Beitrag beginnt will ich mich noch herzlich bei dem guten Herrn F.B. Knauder bedanken, der sich die Zeit genommen hat, mir hier einen Beitrag zu Worldbuilding zu schreiben!

Lass mich dir etwas zum Thema Worldbuilding sagen. Etwas, dass dir vielleicht schon viel früher hätte gesagt werden müssen, das wir in all der Kritik rund ums Schreiben aber leider oft vergessen: 

Es gibt keinen falschen Weltenbau. Es gibt keinen falschen Ansatz, keine schlechten Ideen, keine richtige oder falsche Menge an Hintergrundinformationen zu deiner Welt. Solange deine Welt zu deiner Geschichte passt und solange sie kohärent bleibt, hast du alles richtig gemacht. 

Du kannst hier aufhören zu lesen, wenn du willst. Das Wichtigste hast du schon mitgenommen. 

Du bist noch da? Das freut mich! Ich will dir nämlich ein paar Tipps geben, damit du dir leichter mit dem ganzen Thema Weltenbau tust. Weil auch wenn es keinen falschen Weltenbau gibt, kannst du dir das Leben dabei doch um einiges leichter machen. Ich habe dazu für mich selbst die Methode der drei Fragen entwickelt. Die sind:

  1. Warum?
  2. Wie wirkt sich das aus?
  3. Passt das?

Das hilft dir überhaupt nicht? Kein Problem, ich kümmere mich gleich darum. Aber zuerst ein bisschen Vorarbeit.

Vorarbeit

Bevor wir uns der ersten der drei Fragen widmen, solltest du beim Weltenbau mit einem zentralen Element starten. Das ist eine einzelne Besonderheit, die deine Welt ausmacht. Sie macht sie außergewöhnlich und ist damit quasi das, an das man als erstes denken sollte, wenn man an meine Welt denkt. Hier ein paar Beispiele, wie so etwas aussehen könnte:

  • Die Welt besteht nur aus einem gigantischen Tunnelsystem
  • Menschen können Dämonen als Sklaven beschwören
  • Die Welt ging unter und intelligente Maschinen haben alles übernommen

Du verstehst, worauf ich hinauswill: Die Quintessenz deiner Welt. Die Idee, die dir mal beim Duschen gekommen ist. Dein Startpunkt.

Ich arbeite als Beispiel jetzt einfach die Welt meiner Reihe „die Inseln“ ab. Den ersten Band „Ein Alchemist, ein Stein und ein Strauß Blumen“ findest du überall, wo es gute Bücher gibt und mehr unverblümte Eigenwerbung gibt’s auch nicht mehr. Hier war die Grundidee folgende: Was, wenn die Welt nicht aus einem festen Boden bestehen würde, sondern aus vielen herumfliegenden Inseln?

Du musst natürlich nicht hier starten, du kannst genausogut bei der Quintessenz von deinem Plot anfangen. Das funktioniert gleich gut oder in manchen Fällen sogar besser. Es hängt ganz von deinem Zugang ab und wie schon eingangs erwähnt: Es gibt keine falschen Ideen beim Weltenbau. 

Hast du deine Idee oder das Basisgerüst deiner Geschichte? Das ist wichtig! Du wirst es brauchen. Wenn ja, dann fangen wir mit der ersten unserer drei Fragen an:

1. Warum?

Egal, was deine Idee ist, sie kann und wird nicht in einem Vakuum existieren. Um deine Idee herum existiert eine ganze Welt, die sie beeinflusst. Schauen wir uns das anhand unseres Beispiels an. 

In der Welt der Inseln fliegen die Inseln herum. Warum machen sie das? Ich habe das mit einem Magiesystem erklärt: In sämtlicher Materie ist magische Energie enthalten. Je dichter ein Stoff, desto mehr magische Energie ist darin konzentriert und ab einer gewissen Menge magischer Energie schweben Dinge. Das trifft eben bei Stein, Erde und Fels zu aber auch nur, wenn genug auf einmal zusammenkommt. Oder kurz: Die Inseln fliegen durch eine Ansammlung magischer Energie, wenn sie groß genug sind. 

Durch meine erste Frage, durch mein Warum, habe ich damit also eine wichtige Erklärung für meine Welt gefunden, aber ich hätte die Frage auch ganz anders klären können. Die Inseln könnten auch von unsichtbaren Riesen getragen werden, durch den Willen von Gottheiten oder von gewaltigen Seilen hängen, die am Firmament befestigt sind. Die genaue Antwort ist aber auch egal. Es geht uns ja um die Frage. Um das Warum. 

Durch dieses Warum hast du nämlich beim Weltenbau eine Garantie, dass zwei zentrale Konzepte ganz sicher zusammenpassen. Du musst dir keine Gedanken darum machen, ob irgendwann jemand daherkommt und Löcher in deinem Weltenbau aufreißt. Schließlich sind die Ideen ja miteinander verknüpft. Das Warum ist also geklärt. Kommen wir zur zweiten Fragen:

2. Wie wirkt sich das aus?

Die zweite Frage macht quasi das Gleiche wie das Warum, nur eben in die andere Richtung. Und wenn wir ehrlich sind, ist sie oft auch die viel Spannendere. Sie kümmert sich quasi darum, was alles ein Resultat von eurem Grundkonzept ist. Schauen wir uns das wieder mit unserem Beispiel an:

Die Welt der Inseln besteht aus vielen fliegenden Inseln. Und weiter? Welche Auswirkungen hat das auf andere Aspekte unserer Welt, Reisen zum Beispiel? Solange wir uns auf einer Insel bewegen, ist das ja noch leicht. Hier können wir einfach gehen, aber wie kommen wir von der einen auf die andere? Vielleicht kann man ja auf manchen Tieren fliegen, vielleicht gibt es fliegende Schiffe und vielleicht können manche Völker ja einfach selbst fliegen. 

Das ist aber nur ein Teil der Welt. Jeder Aspekt von ihr kann und wird vom Grundkonzept unserer Welt beeinflusst werden. Handel, Religion, Sprachen, alles. Egal, mit welcher Frage, du dich konfrontiert siehst, du kannst sie mit der Frage „Wie wirkt sich das aus?“ abklopfen und auf das Grundkonzept abstimmen und dadurch ganz leicht sicherstellen, dass deine Welt kohärent und schlüssig bleibt.

Wie beim Warum hast du auch hier wieder die Sicherheit, dass alles zusammenhängt, denn dein Weltenbauelement ist ja schließlich ein Resultat von deinem Grundkonzept. 

Fragen ausweiten

Der nächste Schritt ist besonders spannend! Nachdem du das Warum deines Grundkonzepts geklärt hast und die Resultate davon, kannst du noch einen Schritt weitergehen. Du kannst den Grund für dein Grundkonzept ebenfalls wieder hinterfragen und – ein Schritt in die andere Richtung – dir ansehen, welche Auswirkungen die Auswirkungen haben. 

Die Betonung hierbei liegt übrigens auf „kannst“. Du musst keine Erklärungen und Auswirkungen bis ins Unendliche finden. Manchmal ist es auch in Ordnung, an einer Stelle stehenzubleiben oder einfach zu sagen: Wen interessiert’s!?

Es geht nur darum, dass du dir klarmachst, dass jede Entscheidung im Weltenbau Gründe hat und sich auf andere Dinge auswirkt. In deiner Welt ist alles miteinander verbunden, so wie in der Realität auch. Entwicklungen, Entscheidungen, Systeme und Konzepte beeinflussen einander. Immer. 

Schauen wir uns nochmal das Beispiel an. Fliegende Inseln führen zu fliegenden Schiffen dazwischen. Wie wirkt das auf den Handel aus? Wie leicht ist es, Truppen von einer Insel auf die andere zu bringen? Wie leicht kann ich als Individuum reisen? Du siehst: Mit jeder Antwort kann ich wieder viele neue Fragen stellen, die aber immer noch alle an mein Grundkonzept gebunden sind. 

Aber ich sehe schon, was du dir jetzt denkst: „Irgendwann ist mein Grundkonzept doch erschöpft! Es gibt Fragen, die ich nicht mit meinem Grundkonzept klären! Nicht ohne mindestens fünfzig Schritt zu gehen zumindest! Das ist doch viel zu zeitaufwendig!“ Du hast Recht. Deshalb gibt es auch die dritte Frage:

3. Passt das?

Diese Frage kannst du verwenden, wenn du etwas in deine Welt hinzufügst, das kein direktes Resultat von deinem Grundkonzept ist. Ich kann dir versichern: Das wirst du machen. Es ist beinahe unmöglich alles aus nur einem Gedanken heraus entstehen zu lassen. Durch die Frage „Passt das?“ kannst du aber trotzdem sicherstellen, dass alles schlüssig bleibt und nicht irgendwo spontane Löcher in deinem Weltenbau entstehen, die dort gar nichts verloren haben. 

Bei der Welt der Inseln habe ich das zum Beispiel mit großen Reichen so gemacht. Es gibt Reiche, die mehrere Inseln überspannen. Ja, viele sogar. Nun war meine Frage: Passt die Idee von großen Reichen mit fliegenden Inseln zusammen? Das hat mir nicht nur dabei geholfen, dass ich die Idee hinterfrage, sondern auch dabei, dass ich mir Gedanken um die Entstehung solcher Reiche gemacht habe.

Diese Frage ist quasi dein letztes Abklopfen. Sie hilft dir, neue Konzepte einzufügen und miteinander zu verknüpfen. Gleichzeitig zwingt sie dich aber quasi dazu, dass du dir Gedanken um weitere Aspekte deiner Welt machst. Dadurch wird sie dichter, größer und vielschichtiger. Oder in anderen Worten: Du sorgst dafür, dass deine Welt wie aus einem Guss wirkt.

Keine Hexerei

Das Beste an dem Zugang mit den drei Fragen ist, dass du ihn unendlich fortsetzen kannst, aber dafür keine besonderen Tools und keine großartiges Hintergrundwissen brauchst. Alles, was du brauchst, sind drei Fragen und der Wille, alles immer und immer wieder abzuklopfen, zu hinterfragen und weiterzudenken. Dadurch wird nicht nur deine Welt runder, sondern du lernst gleichzeitig auch etwas über unsere eigene Welt!

Wie im Weltenbau besteht auch unsere Realität nicht aus voneinander abgekoppelten Ideen. Die unterschiedlichsten Bereiche wirken sich mal stärker, mal weniger stark aufeinander aus. Alles ist miteinander verbunden und sobald dir das einmal bewusst wird, kannst du es nicht mehr ignorieren.

Alles, was du tun musst – im Weltenbau und in der Realität – ist, dir diese drei Fragen zu stellen: Warum? Wie wirkt sich das aus? Passt das? 

Und es hat noch einen weiteren Vorteil. Diese drei Fragen schränken dich nicht in deinen Entscheidungen ein, in deiner Fantasie oder in deinen Möglichkeiten. Du kannst weiterhin tun, was auch immer du willst, du musst es nur erklären können. Du willst ein gewaltiges Höhlensystem, dessen Bevölkerung noch nie Sonnenlicht gesehen hat? Erklär’s! Du willst eine Welt auf der Innenseite einer Kugel? Erklär’s! Du willst eine Welt mit zwei Völkern gespalten durch einen Krieg, den es eigentlich nie gab? Erklär’s!

Aus der Geschichte entstanden

Dir ist vielleicht aufgefallen, dass ich mich bisher stärker auf Weltenbau konzentriert habe, der aus einem Konzept heraus entstanden ist. Das liegt daran, dass das mein Zugang ist. Wie aber weiter oben schon erwähnt, kannst du die Drei-Fragen-Methode genausogut mit einer Geschichte als Grundlage verwenden. 

Der zentrale Unterschied ist hier wahrscheinlich die Richtung, in die du gehen wirst. Wenn du mit einem Konzept startest, wirst du weniger „Warum?“-Fragen schaffen und dafür umso mehr „Wie wirkt sich das aus?“-Fragen. Startest du mit der Geschichte wirst du wahrscheinlich mehr Warums hinbekommen. 

Die Fragen bleiben aber ähnlich: Warum ist die Protagonistin im Krieg? Warum ist der Krieg losgetreten worden? Was hat sich durch den Krieg verändert? Passt mein Volk aus Maulwurfsmenschen in das Konzept mit diesem Krieg?

Auch hier gilt: Überprüf beim Weltenbau, ob Dinge zusammenpassen und wie du hinbekommst, dass sie es tun. Solange du es erklären kannst, ist alles gut. Und wer weiß: Vielleicht entwickelt sich dein Plot dadurch ebenfalls in eine neue, spannende Richtung, an die du bisher noch gar nicht gedacht hast.

Und vergiss eines nicht: Es gibt keinen schlechten Weltenbau. Es gibt keine schlechten Ideen. Es gibt keine schlechten Konzepte. Alles, was du tun musst, ist es erklären.

Ein letztes (wichtiges) Ding noch

Eigentlich ist der Artikel schon vorbei. Mit den drei Fragen und dem Wissen, dass es keinen schlechten Weltenbau gibt, bist du bereit für deine eigene Welt. Aber mir ist aufgefallen, dass ich das nicht so stehen lassen kann. Ich muss zumindest noch eine Einschränkung machen. Es gibt keinen schlechten Weltenbau, aber es gibt schädlichen. 

Damit meine ich Weltenbau, der die schlechten Seiten unserer Welt blind reproduziert. Nationalismus, Sexismus, Rassismus, Queermisia, Ausgrenzung, Unterdrückung, Diskriminierung. Mach dir, bevor du mit dem Weltenbau anfängst, bewusst, welches davon du vielleicht unbewusst einbaust.

Die Frage „Warum?“ kann dir übrigens auch hier helfen. Frag dich selbst, warum du gerade diese Entscheidung triffst. Warum sind deine Menschen alle weiß? Warum sind Männer an der Macht? Warum ist Heterosexualität die „Norm“ in deiner Welt? Warum hast du eine Bedrohung von verhüllten Kriegern aus der Wüste? Wie viel davon ist aus einem schädlichen Weltbild entstanden? Oder: Warum gerade so und wie könntest du es anders machen?

Das ist keine Lösung, aber es kann dabei helfen, deine eigenen Vorstellungen herauszufordern und eine Welt zu bauen, die nicht nur schlecht ist, sondern auch nicht schädlich.