Ein schreibender Mensch, der anonym bleiben möchte hat mir eine Kurzgeschichte zukommen lassen, mit der Bitte, sie zu veröffentlichen. Da diese Geschichte Themen anspricht, die mir sehr am Herzen liegen, wollte ich nicht nein sagen. Die nachfolgende Kurzgeschichte ist von Sam Nail.

CN: Thematisiert Missbrauch, Victim Blaming, emotionale Erpressung, Gaslighting, Trauma, Alkohol, (emotionale) Übergriffigkeit

Indirekt Thematisiert: Schwangerschaft, sexueller Missbrauch, physische Gewalt gegen Kinder

Familienfeier. Die Tante wird sechzig. Ich habe das Gefühl, hier mag mich eh niemand. Nicht auf eine konkret ablehnende Weise. Es gibt schlicht keine Anknüpfpunkte. Alles ist hier oberflächlich. Feuchtfröhlich, wie diese Leute es nennen. Ignoranter Umgang mit Alkohol nenne ich es. Ich bin nicht die einzige Person mit einem Trauma im Zusammenhang mit Alkohol und mein Großeltschwister ist nicht die einzige trockene alkoholkranke Person. Eins könnte meinen, wir könnten uns deshalb als kleine Interessensgemeinschaft finden, aber wir verstehen uns nicht.

Wir stehen mit Sektgläsern im Kreis – das Großeltschwister und ich mit Orangensaft darin stattdessen –, lange nachdem wir die Prostaktion hinter uns gebracht haben. Die Themen springen über die Partyklassiker:

  • Wetter, und welche Wetterapp am besten ist.
  • Dass die Politiker*innen auch nur Menschen sind, das eine Riesenverantwortung ist und sie bezüglich jenen schlimmen Themen gar nicht anders entscheiden könnten. Jede Person, die anderer Meinung ist, kriegt zu hören “Dann geh in die Politik und mach es besser”.
  • Wie nervig die Leute von nebenan sind, weil sie die falsche Musik um nächtliche Uhrzeiten zu laut hörten und tagsüber Löcher in die Wände bohrten.
  • Dass die Cousine schwanger ist. Meine Mutter erzählt der Bagage, dass sie das doch schon seit 2 Monaten gesehen und gesagt hat, aber da wollte ihr noch niemand glauben. Sie sagt außerdem, dass sie die Cousine für sehr naiv hält und egoistisch findet, dass sie ohne Partner ein Kind groß ziehen möchte. Sie wolle sich sicher nur selbst verwirklichen und für das Kind wäre da wenig Raum.
  • Dass ein Kind, das die Tante unterrichtet, von den Eltern missbraucht wird.

Das letzte Thema hält ein bisschen länger. Es wird plastisch und ohne jede Vorwarnung über sexuellen Missbrauch in Eltern-Kind-Beziehungen berichtet, aber so, wie sich die Anwesenden das vorstellen, die es nicht erlebt haben. Während vermutlich ein paar dabei sind, die es erlebt haben, die hier lieber die emotionalen Mauern hochfahren und nichts sagen. Dann darüber, dass einige der Anwesenden von ihren Eltern geschlagen worden sind. Wie zu erwarten, setzen sie sich mit dem Thema allerdings nicht ein bisschen auseinander. Ich verstehe das, es würde verletzlich machen und hier ist kein sicherer Raum für Verletzlichkeit. Abgesehen davon, dass keine Person über ihre Traumata reden muss. Das Gespräch wird also gleichzeitig erstaunlich persönlich, erstaunlich oberflächlich und erstaunlich falsch, weil Leute sich damit brüsten, nie eine Therapie gebraucht zu haben.

“Ich musste die Hausaufgaben in der Küche machen, wo mir meine Mutter über die Schulter geguckt hat, mit Kochlöffel in der Hand, mit dem ich dann geschlagen wurde, wenn ich mich verschrieben habe”, berichtet meine Mutter. “Das ist keine Lernatmosphäre. Schreiben habe ich trotzdem gelernt und bin doch jemand ganz Tolles geworden.”

Es ist nicht die schlimmste Geschichte, die sie erlebt hat. Sie hat mir viele erzählt, allabendlich, bis spät in die Nacht, alkoholisiert, ab als ich elf war, bis ich ausgezogen bin, und dann telefonierend weiter, bis ich mein Handy ‘verloren’ habe und sehr lange brauchte, an ein neues zu kommen.

Sie lehnt sich an mich, fährt mit der Hand zärtlich um meine Taille herum und zieht mich in eine seitliche Umarmung.

“Ich bin so froh, dass ich mein Kind und mit ihm nun eine heile, funktionierende Familie habe”, sagt sie. “Ich habe dich nie missbraucht. Oder etwa doch?”

Die Frage hat etwas latent Scherzhaftes, die Betonungen liegen auf ‘ich’ und ‘nie’. Ich habe sie schon unzählige Male auf solchen Feiern verneint, meine Mutter bestätigt. Heute tue ich es nicht. Ich bleibe still. Die Alkoholfahne viel zu dicht vor meinem Gesicht. Den weichen Körper an meinen gepresst und die zärtliche Hand an meiner Hüfte. Sexueller Missbrauch ist das nicht. Aber es ist widerlich. Mir wird innerlich übel. Wenn ich mich vorsichtig wegdrücke, um das Zeichen zu geben, dass ich nicht will, zieht sie nur fester. Wenn ich mich wehren will, ist es nur möglich, dies so zu tun, dass alle es sehen, sich wundern und sich und mich fragen, ob ich das nicht rücksichtsvoller hätte vermitteln können.

“Oder etwa doch?”, wiederholt sie, etwas verlangender nach Bestätigung.

“Die Frage ergibt keinen Sinn”, sage ich. “Ein Kind, dass nicht missbraucht worden ist, wird dir wahrscheinlich bestätigen, dass du nicht missbraucht hättest. Ein Kind, dass missbraucht worden ist, zu einer hohen Wahrscheinlichkeit aber ebenfalls.”

Ich hatte vier Jahre Therapie und trotzdem Angst, riesige Angst, dass ich mich hier nun volle Kante in eine Situation reinreite, in der ab irgendeinem Punkt in ihrem gekonnten, rhetorischen Spiel die Manipulation funktioniert und ich am Ende glaube, Schuld daran zu sein, wie es ihr geht. Wie immer. Nach außen unsichtbar. Was die Wahrnehmung der Anwesenden zu ihren Gunsten verschiebt.

Ich weiß, dass Muttern für die Logik meiner Reaktion null zugänglich ist. Ich weiß auch, dass sie stattdessen hineininterpretieren wird, dass ich der ganzen Bagage hier unmissverständlich mitgeteilt hätte, sie hätte mich missbraucht, – zu unrecht. Und trotz ihrer eigenen Überzeugung wird sie sich in üblen Selbstzweifeln zerfleischen, in der Frage, warum die verlangte Bestätigung ausbleibt. Ob sie doch irgendwas falsch gemacht haben könnte oder warum sie niemand liebt.

“Das ist ein ernstes Thema, hier solltest du nicht mit irgendwelchen Gedankenexperimenten anfangen”, sagt sie. “Du bist gerade dabei, mir vor deinen Verwandten vorzuwerfen, dass ich dich missbraucht hätte. Ist es das, was du willst?”

Vorwurf wegen Rufmords. Mit Frage abgerundet, sodass der erste Impuls verneinen ist. Klassiker. Und doch muss mein Gehirn aus dem Schuldloch aktiv selbst herausklettern. Muss sich erinnern, dass sie die Grundlage dafür geschaffen hat, während ich nur nicht mit der eingeforderten Bestätigung reagiere.

“Es ist ein ernstes Thema”, fasse ich auf, was sie sagt. “Wenn du dich tatsächlich unsicher fühltest, ob du mich missbraucht haben könntest, würdest du nach eben genannter Logik nicht diese Frage stellen. Stell dir vor, deine Eltern hätten dich so nebenbei vor einem Haufen Leute gefragt, ob sie dich missbraucht hätten. Was hättest du geantwortet?”

Ich frage mich, ob das eine so gute Idee ist, was anderes als Ich-Botschaften zu verwenden.

“Ich hätte gelogen und das weißt du”, antwortet sie, wird dabei lauter und wütend. “Aber das ist was anderes. Ich hatte eine schlechte Beziehung zu meinen Eltern. Sie waren mir gegenüber gewalttätig. Das kannst du nicht vergleichen.”

Sie ist verletzt. Natürlich ist sie verletzt. Sie wollte Bestätigung und bekommt sie nicht, das verletzt sie immer. Außerdem ist ihr Trauma wieder an der Oberfläche.

“War deinen Eltern das bewusst? Hätten sie über sich je gesagt, dass sie gewalttätig gewesen wären?”, frage ich.

Ich komme mir unnachgiebig vor. Ich habe nicht in ihrem Trauma herumzuwühlen. Schon gar nicht auf so uneinfühlsame Weise. Bin ich wirklich in Not genug, dass das gerechtfertigt ist? Während ich zugleich nur das Prinzip hinter der Frage erklären und sensibilisieren, nicht aber mein eigenes Trauma offen legen möchte? Tue ich ihr weh, nur weil ich auf einem Prinzip herumreiten muss?

“Ich habe dich nie geschlagen”, erinnert sie mich.

Sie zählt auf, was sie alles Gutes für mich gemacht hat. Die meisten Dinge, die sie aufzählt, sind tatsächlich gut und überzeugen die anderen Anwesenden.

“Ich habe dich nicht missbraucht!”, endet sie wütend.

“Wenn du dir so sicher bist, warum stellst du dann die Frage?”, frage ich.

“Würdest du bitte aufhören, mich hier so anzugreifen? Das habe ich nicht verdient. Oder etwa doch?”, fragt sie wütend.

“Du musst doch verstehen”, mischt sich die Tante ein, richtet sich dabei superduper freundlich und verständnisvoll wirkend an mich. “Sie hat sich immer bemüht, und du wirfst ihr hier vor, dich missbraucht zu haben. Das ist ein unverhältnismäßig schlimmer Vorwurf. Missbrauch ist ein ernstes Thema. Eltern können dafür ins Gefängnis kommen. Natürlich ist nicht immer alles gut gewesen. Aber ist das ein Grund, deine Mutter hier so zu verunsichern und zu verletzen? Ich wäre mit einer Mutter wie deiner froh gewesen. Ist es so ein Beinbruch, sie einmal in der Rolle einer guten Mutter zu bestätigen?”

Ich hasse diese Fragen. Ich habe den Drang darauf einzugehen, aber ich will auf keine davon eingehen. Es fühlt sich lediglich fair und richtig an, es doch zu tun, andere und ihre Gefühle ernst zu nehmen.

“Missbrauch ist ein ernstes Thema”, wiederhole ich nun ein weiteres Mal. “Wir täten gut daran, es ernster zu nehmen. Zum Beispiel, indem wir uns klar machen und präsent halten, dass Missbrauch viel zu selten gesehen wird, dass viele Arten von Missbrauch eher unbekannt sind, dass Missbrauch viel zu selten nachgegangen wird, und vor allem, dass bei Missbrauch häufig die Opfer nicht ernst genommen werden und ihnen nicht zugehört oder nicht geglaubt wird. Das Phänomen ist sogar häufig, dass Opfer dazu gezwungen werden, ihre Abuser zu bestätigen. Deshalb hat die Frage ‘Habe ich dich misshandelt?’ in einem ernsten Umgang mit der Thematik nichts verloren. Niemals. Völlig unabhängig von den Voraussetzungen, ob Misshandlung stattgefunden hat oder nicht. Weil sie im Falle, dass Missbrauch vorläge, emotionaler Erpressung gleichkommt, die das Opfer zwingt, die misshandelnde Person öffentlich in ihrer Güte zu bestätigen. Wenn stattdessen positiv oder gar nicht geantwortet wird, passiert übles Victim-Blaming-Drama und Gewalt. Weil ich die Problematik kenne, werde ich aus Prinzip nie wieder auf so eine Frage antworten, mindestens zwecks Sensibilisierungsversuch. Selbst wenn er scheitert.”

Ich gehe mal vorsichtshalber. Irgendwo bin ich neugierig, was passiert. Aber die Wahrscheinlichkeit für, nun, Victim-Blaming-Drama ist einfach widerlich hoch. Und dann bin ich mir nicht einmal sicher, ob ich den Begriff ‘Victim Blaming’ nicht auch noch erst erklären müsste. Oder ob das Gaslighting ab irgendeinem Punkt erfolgreich sein würde, und ich aus dem Schuldgefühlloch, meine Mutter mutwillig und aus freien Stücken verletzt zu haben, für lächerliche Rechthaberei, nicht mehr herauskäme.

Immerhin kann ich gehen.

Ich kann eigentlich fühlen, was falsch gelaufen ist, was schlimm war. Trotzdem beschäftigt mich die Frage, ob ich das wirklich habe durchziehen müssen, noch eine ganze Weile. ‘Ist es so ein Beinbruch, sie einmal zu bestätigen?’, geht mir noch lange durch den Kopf. Weil ich verstehen will. Am Ende finde ich mich bestärkende Worte und kann ruhen:

Wenn Grenzen setzen zum Drama wird, ist es valid, dies zum Anlass zu nehmen, genau diese Grenzen zu setzen.